Ein Asperger als Partner – Erster Teil
Manchmal fühle ich mich ein wenig wie Roberta Bruzzone, die ich im Übrigen immer mehr bewundere.
Je mehr ich autistische Menschen kennenlerne, desto weniger gelingt es mir, diese großen Unterschiede zu den sogenannten „Neurotypischen“, den „Normalen“, zu sehen. Vor allem wenn es um langfristige Beziehungen geht.
Heute spreche ich über Paare, in denen der Mann — oder wer sich als der Mann der Beziehung versteht — Asperger ist.
Den Frauen mit einem Asperger-Partner sage ich: macht einen Versuch.
Nehmt zehn Paare, die ihr kennt, und vergleicht sie mit eurer Beziehung.
Ich wette, am Ende wird euch dieses Sprichwort einfallen:
Ich bin wenig wert, wenn ich mich allein betrachte, ich bin viel wert, wenn ich mich vergleiche.
Bzw. ihr werdet feststellen, dass euer Kreuz gar nicht so schwer ist — oder zumindest würdet ihr es nicht tauschen.
Zum Beispiel entdeckt ihr, dass der so charmante Ehemann der Freundin nicht arbeitet: deshalb ist er so entspannt und hat Zeit, allen einigermaßen ansehnlichen Freundinnen seiner Frau den Hof zu machen.
Der Mann einer anderen hat keinerlei Ehrgeiz, arbeitet unter seinen Fähigkeiten, um über die Runden zu kommen, und bringt sich abends mit Gaming um.
Ein anderer ist nach 21:00 Uhr zuverlässig betrunken.
Vielleicht habe ich als Psychotherapeutin einen etwas selektiven Blick.
Ich sehe viele Geschichten, viele Hintergründe, viele Risse hinter den Fassaden.
Paare, in denen — jenseits der Fassade gemeinsamer Freizeit — im Alltag er dominiert.
Oder narzisstisch ist.
Oder herrschsüchtig.
Oder chronisch arbeitsscheu.
Oder phobisch, pathologisch eifersüchtig oder ein professioneller Frauenheld.
Natürlich ohne irgendeine offizielle Diagnose.
Und doch gehören all diese Partner zur Kategorie der „Neurotypischen“. Niemand etikettiert sie von vornherein als problematisch.
Am Ende, wenn ich ehrlich hinschaue, bleibt zwischen einem Asperger-Partner und einem neurotypischen vielleicht eine Differenz von 20 Prozent.
Aber sind die anderen Partner wirklich perfekt?
Oder sind wir ihnen gegenüber einfach nachsichtiger?
Warum gestehen wir autistischen Partnern nicht denselben Spielraum an Verschiedenheit zu, den wir bei anderen tolerieren?
Ich frage mich also: Warum werden die Partnerinnen von Asperger-Männern früher müde, früher erschöpft, verlassen sie früher?
Warum ist bei Aspergern die Mühe, die Beziehung zusammenzuhalten, sichtbarer, ausgesprochener, während andere ebenso dysfunktionale Beziehungen jahrelang bestehen bleiben und sich langsam zum gleichen Ende hinschleppen?
Meine Hypothese ist folgende:
Beim Asperger sind die Folgen dysfunktionaler Kommunikation unmittelbar.
Die Unterschiede sind explizit, nicht maskiert.
Jeden Tag erhält die Partnerin den Eindruck, nicht verstanden zu werden — und erschöpft sich früher als mit einem Partner, der sie mit verführerischen Worten und immer neuen Ausreden einwickelt.
Die Substanz ist bei genauerem Hinsehen gar nicht so verschieden.
Vielleicht sollten wir aufhören zu fragen, ob ein Asperger-Partner zu schwierig ist, und beginnen zu fragen, was es wirklich bedeutet, ein guter Partner zu sein.
Nicht perfekt. Nur menschlich. Mit Grenzen, Eigenheiten, Verletzlichkeiten. Wie alle.
Missing the point
Asperger verfehlen gewissermaßen weiterhin den Punkt.
Sie erfassen die Worte, aber oft verpassen sie den Subtext: Gestik, Intonation, Implizites.
Sie bleiben beim expliziten Bedeutungsgehalt, gleiten jedoch aus dem impliziten heraus — aus dem, was nicht gesagt wird, von dem aber alle erwarten, dass es verstanden wird.
Es ist eine reale Grenze — sie zu leugnen oder zu romantisieren wäre sinnlos — und sie ist alltäglich, weil sie direkt proportional zur zwischenmenschlichen Kommunikation ist, vor allem in der privaten Beziehung.
Bei der Arbeit funktioniert es besser: Dort muss Kommunikation klar und objektiv sein.
Eine Person im Spektrum kann eine unendliche Anzahl sozialer Kompetenzen erlernen.
Sie beobachtet, merkt sich, studiert Regeln wie ein Handbuch.
Speichert Sätze, Skripte, Höflichkeitsformeln.
Aber das Leben ist kein Drehbuch.
Neurotypische sagen nie dasselbe zu verschiedenen Personen und ändern ihre Meinung von einem Tag auf den anderen — sogar gegenüber demselben Gesprächspartner.
Die Zukunft ist, wie für uns alle, nicht vorhersehbar.
Hier sehe ich den entscheidenden Unterschied:
Nicht-autistische passen sich in Echtzeit an die Realität an, autistische brauchen etwas länger.
Und bevor sie sich an das neue Drehbuch angepasst haben, das das Leben präsentiert, hat schon ein anderer Film begonnen.
Vor einem unerwarteten Ereignis improvisiert der Neurotypische.
Er lügt, wenn es nötig ist. Er passt die Geschichte in Echtzeit an.
Beispiel
Du kommst zu spät zur Arbeit und hast deine „Notlüge“ schon vorbereitet:
Die Großmutter ist gestorben.
Direkt vor dir erzählt ein Kollege dem Chef exakt dieselbe Ausrede.
Der Neurotypische erfindet in einer halben Sekunde etwas anderes: Zugausfall, krankes Kind, Unfall.
Automatischer Wechsel. Sofortige soziale Kreativität.
Der Aspie hingegen errötet. Er blockiert.
Er hatte diese Version vorbereitet, und jetzt funktioniert das Skript nicht mehr.
Es ist keine Frage der Intelligenz, sondern der impliziten Flexibilität.
Im Paarleben wiegt diese Starrheit schwer.
Nicht in den großen Dingen, sondern in den tausend Mikro-Situationen des Alltags:
zu verstehen, dass „Ich habe nichts“ bedeutet „Ich bin verletzt, aber ich will nicht darüber sprechen“.
zu verstehen, dass „Mach wie du willst“ bedeutet „Entscheide du, aber gib mir das Gefühl, wichtig zu sein“.
zu verstehen, dass heute eine Umarmung nötig wäre, ohne darum bitten zu müssen.
Für viele Partnerinnen wird diese dauernde Übersetzungsarbeit erschöpfend.
Mit einem neurotypischen Partner bleiben viele Dinge implizit.
Mit einem Asperger-Partner müssen sie zu Untertiteln werden.
Nicht weil er weniger liebt, sondern weil er weniger intuitiv liebt, weniger synchron mit dem Ungesagten.
Das Paradox ist, dass genau diese Transparenz auch eine enorme Qualität sein kann:
weniger Intrigen, weniger Manipulationen, weniger Lügen, mehr Ehrlichkeit und Treue.
Vielleicht weniger Beziehungseleganz — aber auch weniger Theater.
Das Problem der Kommunikationsebenen
Asperger reagieren auf Emotionen eher auf der Ebene der Fakten als auf der der Gefühle.
Nicht weil sie keine Emotionen haben, sondern weil sie sie oft nicht sofort deuten können: Sie müssen darüber nachdenken.
Wo der Neurotypische intuitiv erfasst, analysiert der Aspie.
Deshalb brauchen sie klare verbale Hinweise: was du wirklich sagst, nicht was du andeutest.
Das Problem ist, dass wir Neurotypischen in der alltäglichen Kommunikation alles andere als klar sind:
Wir sprechen über Kontexte, Andeutungen, Tonfall, Gesten, Mikro-Expressionen.
Ein einfaches Beispiel
Wenn ich sage:
„Ich bin Witwe“
weiß jeder, was zu antworten ist:
„Das tut mir leid.“
Wenn ich sage:
„Mein Mann erfreut sich bester Gesundheit“
ist die erwartete Antwort:
„Wie schön, ich freue mich für euch.“
Jetzt machen wir die Szene komplizierter (wie im echten Leben)
Während eines Small Talks sage ich:
„Zum Glück bin ich Witwe“ und zwinkere gleichzeitig.
Eine Neurotypische versteht sofort die doppelte Ebene und antwortet lachend:
„Du Glückliche! Meiner ist leider kerngesund!“
Es entsteht Komplizenschaft. Niemand erklärt etwas. Reiner Tanz.
Ein Asperger hingegen bleibt irritiert:
Sagt sie die Wahrheit? Macht sie einen Witz? Ist sie zynisch?
Es ist, als würde man vier Radiosender gleichzeitig empfangen und müsste sie alle in Echtzeit abstimmen.
Der emotionale Moment
Eine Frau kommt weinend nach Hause:
„Mein Chef hat mich fristlos entlassen. Und meine beste Freundin war dabei. Sie hat nicht reagiert. Nicht einmal eine Geste.“
Was erwartet sie in diesem Moment?
Keine logische Analyse.
Nicht: „Vielleicht gab es gute betriebliche Gründe.“
Nicht: „Suchen wir eine andere Arbeit.“
Sie erwartet emotionale Resonanz:
„Wie ungerecht.“
„Du Arme.“
„Das muss schrecklich gewesen sein.“
Zuerst das Herz. Dann der Kopf.
Viele Asperger-Partner beginnen stattdessen sofort mit Problemlösung:
„Du wirst etwas Besseres finden.“
„Lass uns den Lebenslauf machen.“
„Ruf morgen das Rechtsbüro an.“
Das sind auch gute Ideen.
Aber im falschen Moment.
Die Partnerin denkt: Er hört mich nicht.
Er denkt: Ich helfe.
Viele gute Absichten, null Abstimmung.
Vielleicht ist das die eigentliche Mühe:
nicht ein Mangel an Liebe, sondern ein Mangel an emotionaler Gleichzeitigkeit.
Wie mit jemandem zu tanzen, der eine andere Musik hört.
Anmerkung: Roberta Bruzzone, forensische Psychologin und Kriminologin, die in den Medien sehr präsent ist.
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