Samstag, 17. Mai 2025

Apropos Autismus … Mehr IV-Renten für junge Leute

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Apropos Autismus … Mehr IV-Renten für junge Leute

Bezugnehmend auf das Interview mit dem Psychologen Niklas Baer vom 25. April 2025 im

Tages-Anzeiger über die Zunahme von IV-Renten bei jungen Menschen aufgrund psychischer

Erkrankungen kann ich nur zustimmen. Seine Einschätzungen decken sich mit meinen

alltäglichen Erfahrungen: Die Zahl junger Menschen, die eine IV-Rente erhalten, nimmt zu.

Bei mir melden sich häufig junge Erwachsene, die „divers“ sein möchten, oft „fluid“ in ihrer

Identität – mit selbstdiagnostiziertem Autismus. Ich werde dann gebeten, dies zu bestätigen.

Diese Bestätigung würde – unausgesprochen – den Zugang zur IV erleichtern. Dabei wird oft

übersehen, dass eine IV-Rente nicht aufgrund einer Diagnose, sondern aufgrund mangelnder

Erwerbsfähigkeit zugesprochen wird. Das gilt für alle medizinischen Diagnosen, nicht nur für

psychiatrische.

Viele dieser jungen Menschen finden keinen Anschluss an die Arbeitswelt – aus

unterschiedlichen Gründen. Sie suchen dann nach einer „salonfähigeren“ Erklärung. Besonders

auffällig ist dabei der häufige Wunsch nach einer Asperger-Diagnose. Diese wird in gewissen

Kreisen beinahe idealisiert – nicht als Krankheit, sondern als Zeichen von Besonderheit. Es

entsteht eine paradoxe Situation: Die Betroffenen sind stolz, „neurodivers“ zu sein. Niemand ist

stolz auf eine Diagnose – es sei denn, sie hebt einen von anderen ab. Das sagen auch viele

ehemalige Borderline-Patientinnen, die sich heute lieber als autistisch verstehen. Sie haben ihren

Lebensstil verändert – ruhiger, kontrollierter – und möchten nun unter ein neues Label fallen.

Herr Baer spricht von mehr Behandlungen – ich sehe vor allem mehr Frühdiagnosen. Als

Diagnostikerin finde ich: Eine fundierte Abklärung ist grundsätzlich sinnvoll. Es ist gut, seine

eigene „Seelenfarbe“ kennenzulernen. Doch sie sollte nicht zu einer Selbst-Pathologisierung

führen. Wir Ärztinnen und Ärzte sind ausgebildet, in jedem Menschen komplexe Konstellationen

zu erkennen – und nicht vorschnell Etiketten zu vergeben.

Ich bin müde geworden von selbsternannten Asperger-Betroffenen, die mir seitenweise aus dem

Internet heruntergeladene Listen präsentieren. Und dann gibt es die anderen, die schlicht sagen:

„Alle meine Freunde sind divers, ich muss es auch sein.“ In meinen Ohren klingt das wie: „Alle

meine Freunde sind blond – also will ich auch blond sein.“

Ich sehe viele dieser Jugendlichen schon in jungen Jahren als chronische Verweigerer. Die

Schlussfolgerung daraus ist leider banal: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wer

heute nicht zur Schule geht, wird morgen nicht zur Arbeit gehen.

Ich sehe Schulabgänger, die den Weg in eine Privatschule finden – aber nicht darüber hinaus. Ich

fühle mich manchmal wie Kassandra: Ich sehe, was passieren wird, aber niemand hört zu. Für

viele dieser Jugendlichen kann ich mir keine Integration in Arbeit oder Studium vorstellen.

Gerade bei Betroffenen mit ASS oder anderen Belastungen zeigt die Erfahrung: Schönreden hilft

nicht weiter.

Schulverweigerung lässt sich oft nur durch externe Strukturen unterbrechen – etwa durch eine

Fremdplatzierung mit Wochenstruktur. Ich könnte gut davon leben, Krankschreibungen

auszustellen – aber ich weigere mich konsequent. Und habe deshalb auch Klient*innen verloren.

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Das System muss sich ändern. Nach dem Motto: Wenn Mahmet nicht zum Berg kommt, muss

der Berg zu Mahmet gehen. Wir brauchen Wochenstrukturen für Schulabsentisten. Gerade

Jugendliche mit einem chronischen Verweigerungsprofil – wie bei PDA (Pathological Demand

Avoidance) – verlieren zuerst den Anschluss an die Regelschule, dann an die Privatschule, und

bleiben schliesslich depressiv zu Hause.

Arbeit ist nicht das Wichtigste im Leben. Für mich steht die Individuation im Zentrum – im Sinne

von Freiheit und Selbstverwirklichung. Nicht alle müssen arbeiten, nicht alle müssen ein festes

Einkommen erzielen. Aber wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft. Der Druck zur

Leistung schafft eine immer grössere Kluft zwischen jenen, die mitrennen können – und jenen,

die aufgeben, bevor sie überhaupt beginnen.

Ich habe kein fertiges Rezept. Wer divers sein will, soll divers leben dürfen. Aber anstelle einer

IV-Rente – denn die staatlichen Gelder werden bald nicht mehr reichen – könnte man auch über

eine „Assegno di povertà“ nachdenken. Ohne das Theater der Diagnose.

Die IV-Renten für Jugendliche sind nicht hoch – aber ausreichend, um nicht in Bewegung

kommen zu müssen. Und die IV steht zunehmend am Rand der Erschöpfung.

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