Apropos Autismus
Zwischen Empathie und Entgleisung: Die PANDA-Methode im Kontext der Filiuskratie
Eine kritische Analyse kindzentrierter Erziehungsstrategien in der Praxis der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Wir erleben einen kulturellen Wandel, der weit über pädagogische Moden hinausgeht: Die traditionelle elterliche Autorität wird zunehmend durch ein kindzentriertes Paradigma ersetzt. Diese Filiuskratie – die Herrschaft des Kindes – bedeutet, dass das kindliche Wohl nicht nur im Mittelpunkt steht, sondern häufig über allem thront.
Schade nur: Das Kind ist ein Kind, kein Erwachsener – und lebt unter anderem nach dem Lustprinzip. Was einst als notwendige Führung galt, wird heute schnell als Autoritarismus abgestempelt. Eltern, die selbst in autoritären Strukturen aufgewachsen sind, wollen es besser machen – und verlieren dabei nicht selten ihren Handlungsspielraum. Worte wie Erziehung oder Gehorsam sind aus dem familiären Wortschatz verbannt; stattdessen heißt es: „es mag das nicht“, „von Anfang an hat es das nicht gemocht, wollte er das nicht tun“ …
In diese Dynamik fügt sich die PANDA-Methode (PDA, Autism, Neurodiversity and Demand Avoidance) ein – ein Ansatz zur Begleitung von Kindern mit Pathological Demand Avoidance (PDA). Der Anspruch: Kinder nicht unter Druck setzen, sondern mit größtem Respekt für ihre Ängste, Bedürfnisse und Grenzen arbeiten.
Die drei Grundprinzipien der PANDA-Methode:
Vermeidung von Konfrontationen
Ziel ist es, Eskalationen zu verhindern, indem direkte Aufforderungen und Drucksituationen vermieden werden. Statt klare Erwartungen zu formulieren, werden Entscheidungen möglichst in die Hände des Kindes gelegt. Dadurch soll eine angstfreie Atmosphäre entstehen, in der das Kind sich nicht bedroht fühlt.
Anpassung der Anforderungen
Die Ansprüche an das Kind werden flexibel gestaltet, orientiert an der momentanen emotionalen Verfassung. Forderungen, die als überfordernd oder auslösend erlebt werden könnten, werden reduziert oder vollständig aufgehoben.
Berücksichtigung der emotionalen Bedürfnisse
Die Methode legt großen Wert darauf, das Kind in seiner emotionalen Wirklichkeit ernst zu nehmen. Es geht darum, Sicherheit und Vertrauen aufzubauen, statt Vermeidung zu pathologisieren. Das Kind soll nicht erzogen, sondern begleitet werden – auf Augenhöhe, ohne Zwang.
Was zunächst empathisch, nachvollziehbar und kindgerecht klingt, erweist sich in der Praxis jedoch oft als trügerisch. Die PANDA-Strategien setzen voraus, dass das Verhalten der Eltern dem Kind gegenüber bisher zu fordernd oder konfrontativ war. Doch das Gegenteil ist oft der Fall: Die heutigen Eltern – reitend auf der Welle der Filiuskratie – sind bereits äußerst kindgerecht eingestellt.
Was verstehen Eltern, wenn sie PANDA-Empfehlungen lesen?
Viele, ohnehin erschöpfte und selbstkritische Eltern, interpretieren die PANDA-Botschaften als:
– „Ich war zu konfrontativ.“
– „Ich habe mein Kind überfordert.“
– „Ich habe seine Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt.“
Doch dieses Selbsturteil trifft selten zu. Im Gegenteil: Viele Eltern sind schon jetzt ausgesprochen verständnisvoll, dialogbereit und vorsichtig. Sie scheitern nicht, weil sie zu hart sind, sondern weil sie sich aus Angst vor Fehlern selbst entmachten.
Die Risiken der PANDA-Methode im Überblick:
Verstärkte Vermeidung statt Entwicklung
Kurzfristig wirkt PANDA beruhigend. Langfristig aber stabilisiert sie das Vermeidungsverhalten – und verhindert Entwicklung. Das Kind lernt nicht, mit Anforderungen umzugehen, sondern perfektioniert Strategien zur Umgehung. Viele Kinder, die sich aus der Schule zurückziehen, finden nicht mehr zurück. Mobbing bei Rückkehr ist fast vorprogrammiert – weil keine Schulsozialisation stattgefunden hat.
Invalidisierende Schonhaltung
Eltern und Fachpersonen werden entmündigt. Ihre Rolle wird reduziert auf Verständnis, Schonung und Rücksichtnahme. Dabei braucht Entwicklung Führung. Pädagogische Schonung ist keine Entwicklungsperspektive.
Systemische Konsequenzen
Zunehmend verweigern Kinder Schule und soziale Teilhabe. Erwartungsdruck wird körperlich gespürt. Viele verlassen das Bildungssystem – und landen früh in sozialstaatlichen Unterstützungsstrukturen. Freundschaften zerfallen. Die Peers haben bald keine Themen mehr mit ihnen. Rückzug und Isolation sind häufig die Folge.
Und doch: Die Eltern trifft keine Schuld.
Sie agieren in einem Zeitgeist, der das Kind überhöht. Aber genau darin liegt das Problem: Ohne elterliche Führung – ohne Klarheit, Struktur, Rollensicherheit – geraten besonders sensible Kinder aus dem Gleichgewicht.
Was Eltern wirklich brauchen, ist nicht Nachsicht – sondern Selbstvertrauen und Rückendeckung.
– Vertrauen in die eigene Erziehungskraft
– Mut zur liebevollen Konfrontation
– Unterstützung durch ein stabiles, professionelles Netzwerk
– Klarheit über ihre Rolle als Führungsperson – nicht nur als „Safe Person“
– Geduld für Entwicklung – statt Fokus auf sofortige Symptomfreiheit
Die PANDA-Methode ist nicht grundsätzlich falsch. Aber ihre Anwendung braucht kritische Reflexion. Sie darf nicht zur Ersatzreligion für Erziehung werden. Denn Kinder – auch besonders herausfordernde – brauchen nicht nur Schutz, sondern auch Reibung, Führung und die Erfahrung, dass sie an Herausforderungen wachsen können.
Fazit:
Die PANDA-Methode reagiert auf ein reales Problem – aber sie tut es mit einem Rezept, das Symptome beruhigt, während die Ursachen fortwirken. Wer nur beruhigt, heilt nicht. Die dramatischen Langzeitfolgen chronischer Verweigerung sehe ich täglich: Schulabbrüche, IV-Anmeldungen, KEBS-Fälle – oft im Doppelpack.
Wir brauchen einen Erziehungsstil, der weder autoritär noch orientierungslos ist. Einen Stil, der Klarheit mit Empathie verbindet. Und vor allem: einen, der dem Kind zumutet, dass es wachsen kann.
Im nächsten Beitrag werde ich Vorschläge machen, wie man aus dem Käfig der chronischen Schulverweigerung ausbrechen kann – jenseits pädagogischer Nachsicht.
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