Sonntag, 13. Juli 2025

Apropos Autismus: Situationale Elternschaft – oder: Was Eltern von Führungskräften lernen könnten

Apropos Autismus: Situationale Elternschaft – oder: Was Eltern von Führungskräften lernen könnten

In meinem Kolleginnenkreis taucht immer wieder ein pointierter Vergleich auf:

„Elternkurse sind eigentlich wie Management-Seminare – nur deutlich billiger.“

Was als ironischer Nebensatz fällt, enthält einen wahren Kern. Denn viele Herausforderungen moderner Elternschaft ähneln jenen von Teamleiterinnen oder Projektverantwortlichen in Unternehmen: Wie schaffe ich Führung, ohne autoritär zu sein? Wie begleite ich Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und Reifegraden? Wie halte ich meine Linie, ohne den Kontakt zu verlieren?

Wenn man sich die Welt moderner Elternschaft anschaut, wird deutlich, wie schwer es vielen heute fällt, den inneren Spagat zwischen Nähe und Führung, zwischen Einfühlung und Klarheit zu meistern. Besonders bei Kindern mit neurodivergenten Profilen wie Autismus oder ADHS geraten Eltern in ein System aus gutem Willen, wachsendem Druck – und zunehmendem Kontrollverlust. Die sogenannte Filiuskratie – die Herrschaft des Kindes – hat sich in vielen Familien unbemerkt eingenistet und können sich glücklich bezeichnen die Familien, wo eine «shared decision making» herrsch und die Eltern einigermassen die Führung erhalten. 

Zwischen Kumpel Beziehung und emotionaler Erpressbarkeit

Eltern wollen heute empathisch sein, feinfühlig, bindungsorientiert, «bedürfnisorientiert». Sie wollen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, wollen nicht schimpfen, bestrafen, kontrollieren. Sie lesen, reflektieren, hinterfragen (dem Internet). Und verlieren dabei mitunter ihre Rolle als Eltern als verantwortliche Erwachsene, die Grenzen setzen und Orientierung bieten.

Ich behaupte: In einer Kultur, in der sich viele Eltern nach Nähe und Harmonie sehnen, ist eine neue Form des Führungsverlusts entstanden. Eltern, die Angst haben, ihr Kind zu überfordern, es zu verletzen, es emotional zu verlieren. Kinder, die dies spüren – und beginnen, mit Rückzug, somatischen Symptomen (z. B. Kollaps, Asthma, Bauchschmerzen) oder dramatischen Aussagen wie „Ich bringe mich um, wenn ich zur Schule muss“ zu reagieren.

Hier ist nicht das Kind das Problem – sondern die fehlende Führung.

Was Führungskräfte lernen – und Eltern brauchen

In der Führungsausbildung ist ein Modell längst Standard: das Situative Führungsmodell von Hersey & Blanchard. Es besagt: Gute Führung ist keine starre Methode, sondern richtet sich nach dem Reifegrad und der Entwicklungsstufe des Gegenübers (Mitarbeiters). Es unterscheidet vier Typen – die auch verblüffend gut auf Kinder (und Jugendliche) übertragbar sind:

1. The Enthusiastic Beginner (der begeisterte Anfänger)

– Hoch motiviert, aber unerfahren. Kinder in dieser Phase sind neugierig, lernbereit, überschätzen sich oft.

→ empfohlene Führungsstil: Directing – klare Regeln, viel Struktur, enge Begleitung.

2. The Disillusioned Learner (der ernüchterte Lernende)

– Erste Rückschläge dämpfen die Motivation, es kommt zu Frust, Widerstand, Zweifeln.

→ Führungsstil: Coaching – Nähe, Ermutigung, aber auch Festhalten an Zielen.

3. The Capable but Cautious Performer (der fähige, aber vorsichtige Ausführende)

– Hat Kompetenzen aufgebaut, aber traut sich noch nicht ganz.

→ Führungsstil: Supporting – weniger Kontrolle, mehr Selbstwirksamkeit ermöglichen.

4. The Self-Reliant Achiever (der selbstständige Leistungsträger)

– Kann Aufgaben allein bewältigen, hat Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl.

→ Führungsstil: Delegating – Verantwortung übergeben, Vertrauen schenken.

Wenn Eltern ihre Kinder durch diese Phasen begleiten, ohne ihre Verantwortung als „Führungsperson“ aufzugeben, entsteht ein sicherer Rahmen für Entwicklung.

Doch was oft geschieht: Eltern verwechseln Nähe mit Nachgiebigkeit, Bindung mit Bedingungslosigkeit und Autonomie mit Beliebigkeit.

Fehlende Autorität: der Preis des Verzichts

In meinem Praxisalltag sehe ich Kinder, die sich verweigern. Die nicht mehr zur Schule gehen. Die sich verweigern, sobald die kleinste Frustration eintritt. Und ich sehe Eltern, die resignieren. Die sich selbst fragen: „Was haben wir falsch gemacht? Wir haben doch alles versucht, auf die Bedürfnisse eingegangen, jeden Wunsch berücksichtigt... oder öfters: es ist nicht, dass er nicht will, er kann nicht in die Schule gehen, ich kann es ihn nicht zwingen oder? Also die obligatorische Schulung wird in Frage gestellt. 

Wenn wir Kinder zu früh auf Augenhöhe holen, ihnen zu viele Wahlfreiheiten geben, ihnen keine Grenzen setzen – dann berauben wir sie einer ganz wichtigen Erfahrung: der Klarheit, der realitätsbezogen, die Erfahrung des Scheiterns. 

Kinder brauchen Beziehung – aber keine Freundschaft. Sie brauchen Bindung – aber auch Führung. Sie brauchen Eltern, die sie herausfordern, zutrauen, zumuten. Auch mit Enttäuschung, auch mit Frust.

Ein Kind, das nie lernen darf zu scheitern, wird später nicht aufstehen können. Ein Kind, das nur zentriert um seine Bedürfnisse kreist, entwickelt keine soziale Perspektive.

Eltern als Manager*innen der Familie

Wenn wir schon in Bildern sprechen: Eltern sind wie Führungskräfte in einem kleinen Start-up. Und wie im Unternehmen kann man auch hier sagen: Leadership matters. Eltern sind zuständig für Orientierung, Sicherheit, Ethik und Organisation. Nicht fürs Möglichmachen jedes Wunsches, sondern fürs Aushalten des Unvermeidlichen.

Das bedeutet:

Directing, wenn Kinder sich in neuen oder bedrohlichen Situationen befinden

Coaching, wenn sie Frustration erleben oder Ambivalenz zeigen

Supporting, wenn sie wachsen, aber unsicher sind

Delegating, wenn sie Verantwortung übernehmen können

Doch diese vier Stile setzen etwas voraus: Elterliche Präsenz. Kein Rückzug aus Angst vor Konflikt. Kein Auslagern von Autorität an Lehrerinnen, Therapeutinnen oder Jugendämter. Kein „Er wird schon selbst wissen, was gut ist für ihn“. Nein – Elternschaft ist Arbeit. Und Verantwortung.

Fehlerfreundlich statt überfürsorglich

In der heutigen Diskussion über bedürfnisorientierte Erziehung wird oft vergessen: Auch Eltern haben Bedürfnisse. Auch Eltern dürfen überfordert sein. Aber sie dürfen sich nicht vollständig vom Verhalten ihrer Kinder bestimmen lassen. 

Mittlerweile ist mir diesen Ausdruck der bedürfnisorientierten Erziehung ein rotes Tuch geworden: die Eltern und die Gesellschaft von heute sind schon kinder- Bedürfnis – orientiert genüg! Das Risiko ist eher, sich als Eltern als erwachsenen zu annullieren zu Gunsten des Kindes! 

Authentizität statt Perfektion, das wäre die Devise.

Nicht jeden Meltdown des Kindes auffangen, aber ihm Raum geben. Nicht jede Schulverweigerung als psychiatrisches Symptom etikettieren, sondern auch als Beziehungssignal verstehen. Und manchmal als Ausdruck eines Systems, das sich neu sortieren muss.

Schlussgedanken: Zwischen Cassandra-Ruf und Marracash-Lyrik

Ich sehe Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen, Eltern, die am Limit sind, Systeme, die mit Attesten die Eskalation verwalten und sich fragen oft: Wo sind wir falsch abgebogen?

Nicht selten fühle ich mich wie Kassandra – rufend, warnend, wissend, dass niemand zuhören will. Denn wenn ein Kind nicht zur Schule geht, wird es auch nicht arbeiten. Wenn es keine Pflichten lernt, kann es keine Verantwortung tragen. Wenn es keinen Widerspruch aushält, kann es keine Beziehung führen.

Am Ende bleibt mir nur, mit dem italienischen Musiker Marracash zu schließen, einem, der vermutlich ein begnadeter Schulschwänzer war:

„Bravi a cadere» = Imparare a fallire.“

Lerne zu stürzen. Lerne zu scheitern.

Vielleicht ist das der wichtigste Erziehungsgrundsatz, den wir heute brauchen.

Ein Beitrag inspiriert durch Erfahrungen, Beobachtungen und Gespräche aus der Praxis. Mehr dazu auf: alschin.blogspot.ch


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