Schulabsentismus: zwischen Filiokratie, Oppositionalität und beruflicher Zukunft
Wir leben in einer Epoche, in der die Filiokratie – also die von den Kindern ausgeübte Macht – das Patriarchat nahtlos abgelöst zu haben scheint. Es handelt sich dabei nicht nur um eine soziologische Provokation, sondern um einen tiefgreifenden und zugleich gefährlichen kulturellen Wandel. Die Filiokratie untergräbt das familiäre Gleichgewicht und zeigt sich oft erst dann, wenn die Schäden bereits sichtbar sind: Kinder und Jugendliche übernehmen die Rolle kleiner „häuslicher Tyrannen“, setzen ihren Willen in allen Bereichen des Alltags durch und entziehen den Erwachsenen die Möglichkeit, eine regulierende Funktion auszuüben.
Man denke nur an die immer häufiger vorkommenden Situationen, in denen Kinder:
– nicht an Familienereignissen teilnehmen, weil sie sich „nicht wohlfühlen“ oder „lernen müssen“,
– das Abendessen mit den Eltern verweigern, weil sie „beschäftigt sind“,
– jede häusliche Verantwortung meiden, da sie „am PC arbeiten“,
– und das Handy wie eine Verlängerung ihrer Hand benutzen.
Was eigentlich ein entwicklungsfördernder Dialog zwischen dem Bedürfnis der Kinder nach Autonomie und der erzieherischen Rolle der Eltern sein sollte, löst sich auf. Die Kinder erhalten Autonomie ohne Grenzen und Entscheidungsmacht ohne Kompetenz. In diesem Vakuum gedeiht ein bedenkliches Phänomen: der Schulabsentismus, der viel zu oft als klinisches Problem interpretiert wird, obwohl er in Wahrheit eine erzieherische und gesellschaftliche Krise darstellt.
Oppositionelle Kinder und Schulabsentismus
In diesem Kontext tritt das Phänomen oppositioneller Kinder und Jugendlicher auf, die gleichzeitig die Rolle der Regelsetzer wie auch der Regelbrecher übernehmen. Die Umkehrung der familiären Rollen erzeugt Frustration, Orientierungslosigkeit und einen schleichenden schulischen Rückzug. Allzu leichtfertig ist heute die Rede von „Schulphobie“, „Vermeidungssyndromen“, neuen Kürzeln wie PDA (Pathological Demand Avoidance) oder Phänomenen wie Hikikomori. Doch was man tatsächlich beobachten kann, ist eine stille Epidemie, die die Grundlagen der Bildung aushöhlt: das Verschwinden der Schule als Ort des Wachstums, der Auseinandersetzung und der Identitätsbildung.
Schulabsentismus behindert nicht nur den Erwerb von Wissen: Er nimmt jungen Menschen essenzielle Lernerfahrungen, wie Frustrationstoleranz, Konfliktbewältigung, Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen und die Entwicklung von Resilienz. Und die Realität ist: Kein Kind, das die Schule verlassen hat, ist jemals von sich aus dorthin zurückgekehrt. Notwendig ist ein frühzeitiges und entschlossenes Eingreifen, bevor sich die Verweigerung in einer chronischen Haltung verfestigt.
Die Schule als Lebensschule
Die Schule ist weit mehr als eine Bildungseinrichtung: Sie ist eine Lebensschule. Sie ist der erste Ort, an dem das Kind den Mittelpunkt familiärer Aufmerksamkeit verlässt und mit einer Welt voller Regeln, Verantwortung und Beziehungen konfrontiert wird. Hier lernt man, dass:
• nicht alle Tage gleich sind,
• Leistung nicht allein vom Talent abhängt, sondern von Beständigkeit,
• Anstrengung einen formenden Wert hat,
• Fehler Teil des Prozesses sind.
Neben Lesen, Schreiben und Rechnen werden grundlegende Schlüsselkompetenzen erworben: Pünktlichkeit, Zusammenarbeit, Feedback annehmen, nach einem Fehler wieder aufstehen.
Von der Schulbank zum Arbeitsplatz: eine notwendige Kontinuität
Wer die Schule nicht regelmäßig besucht hat, wird sich schwer in die Arbeitswelt integrieren können. Denn Arbeit erfordert genau dieselben Haltungen: Pünktlichkeit, Anpassungsfähigkeit, Pflichtbewusstsein, die Fähigkeit, Langeweile und Frustration auszuhalten.
Ein Jugendlicher, der hunderte Fehlstunden angesammelt hat, läuft Gefahr, diesem Übergang unvorbereitet entgegenzutreten: fragil, orientierungslos, autodidaktisch – nicht aus Wahl, sondern aus Verweigerung des Bildungskontextes. Manche träumen von großen Karrieren als YouTuber, Influencer oder Erfinder, doch jeder Beruf, selbst der kreativste, verlangt Disziplin, Ausbildung und Zeit.
Ohne diese Grundlagen drohen zwei Gefahren:
• in prekäre, monotone, schlecht bezahlte Jobs abzurutschen,
• in ökonomische Abhängigkeit und soziale Isolation zu geraten.
Schlussfolgerung: Welche Zukunft bauen wir?
Früher waren die Klassen voll, und niemand sprach von „Schulverweigerung“. Heute leben wir in einer Welt, die von Technologien – PC, soziale Medien, künstliche Intelligenz – durchdrungen ist, welche die Regeln der Gegenwart und zwangsläufig auch der Zukunft neu schreiben.
Wie dieser Entwicklung entgegenwirken? Die Antwort ist nicht einfach. Auch die Schule muss sich weiterentwickeln, ohne jedoch ihre erzieherische Aufgabe preiszugeben. Vielleicht werden in naher Zukunft nur wenige Wertschöpfung betreiben, während andere – als „unproduktiv“ etikettiert – mit einem bedingungslosen Grundeinkommen überleben. Doch ist das die Welt, die wir wollen?
Schulabsentismus ist kein vorübergehendes Unbehagen und kein kindischer Spleen. Er ist eine konkrete Bedrohung für die Zukunft – sowohl die individuelle als auch die kollektive. Ihm entgegenzutreten bedeutet:
• das erzieherische Gleichgewicht in den Familien wiederherzustellen – die Eltern müssen ihre Autorität ausüben, so wie ein Arbeitgeber seine;
• der Schule ihre Bildungsfunktion zurückzugeben;
• die Jugendlichen in eine Erwachsenenwelt zu begleiten, die auf Verantwortung, Kompetenz und Teilhabe gründet.
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