Dienstag, 9. Juni 2026

Apropos Autismus, PDA und die Sprache moderner Eltern

 Apropos Autismus, PDA und die Sprache moderner Eltern


Wie inzwischen gewohnt, nutze ich meinen Blog auch dazu, meinen Frust als ASS-Expertin zu entladen. Nicht, um einzelne Eltern zu beschuldigen, sondern gerade, um dies zu vermeiden. Ich schreibe hier über allgemeine Erfahrungen, über wiederkehrende Muster und über ein soziales Phänomen.

Mir ist wichtig, Eltern nicht zusätzlich zu traumatisieren. Viele Eltern kommen bereits erschöpft, verunsichert, voller Schuldgefühle und mit dem Eindruck, alles falsch gemacht zu haben. Genau darum möchte ich deutlich machen: Es geht nicht um das einzelne Elternpaar. Es geht nicht darum, Vater oder Mutter persönlich verantwortlich zu machen.

Es geht vielmehr um ein kulturelles Phänomen: um Filiokratie, um eine Gesellschaft, in der Kinder zunehmend ins Zentrum aller familiären Dynamiken rücken, und um die gegenwärtige Tendenz, schwieriges Verhalten rasch mit Begriffen wie ASS oder PDA zu erklären. Diese Begriffe sind wichtig, wenn sie sorgfältig und klinisch begründet verwendet werden. Sie können aber auch zu Modediagnosen werden, wenn sie jedes familiäre, schulische oder soziale Spannungsfeld sofort pathologisieren.

Eltern sind daran nicht schuldiger, als sie daran schuld sind, ein Handy zu besitzen. Fast alle Eltern sind heute Teil derselben digitalen, demokratischen, antiautoritären und hochsensibilisierten Erziehungskultur. Sie haben diese Kultur nicht erfunden, und sie haben sie sich auch nicht frei ausgesucht. Sie leben in ihr.

Viele Eltern sind von einem Erziehungsstil geprägt, der Autonomie, Partizipation, Bedürfnisorientierung und Konfliktvermeidung stark betont. Das ist nicht per se falsch. Im Gegenteil: Viele dieser Entwicklungen waren historisch notwendig und menschlich wertvoll. Aber jede Kultur erzeugt auch ihre Schattenseiten. Wenn jedes Nein als Verletzung erlebt wird, jede Grenze als Gewalt, jede Überforderung als Diagnose und jede elterliche Autorität als problematisch, entsteht ein Raum, in dem Kinder zwar sehr gesehen werden, aber nicht immer ausreichend gehalten, geführt und begrenzt.

Zuerst möchte ich einige Prämissen voranstellen, an denen ich mich orientiere und die zugleich zum Credo vieler Therapeutinnen und Therapeuten gehören sollten.

Erstens: Eltern machen zu einem gegebenen Zeitpunkt meistens das Beste, was sie können.

Zweitens: Erziehende sagen immer die Wahrheit. Diese wird nicht infrage gestellt. Zu prüfen ist vielmehr, ob das, was sie beobachten, eine Manifestation von Autismus ist.

Drittens: Es gibt kein einzelnes Symptom, das pathognomonisch für Autismus wäre. Kein Verhalten, kein Satz, keine Vorliebe, keine Angst, keine Starrheit, kein Rückzug und auch kein Spezialinteresse beweist für sich allein eine Autismus-Spektrum-Störung.

In meiner Praxis häufen sich zunehmend Anmeldungen mit den Fragestellungen PDA-Autismus und ADHS-Autismus. Autismus allein scheint fast ausser Mode geraten zu sein. Die „klassischen“, frühkindlichen autistischen Kinder, die kaum sprechen, deutlich entwicklungsauffällig sind, wenig Blickkontakt zeigen und in ihrer Kommunikation von Anfang an massiv beeinträchtigt wirken, machen inzwischen nur noch eine Minderheit der Anmeldungen aus.

Die Mehrheit der Kinder, die heute vorgestellt werden, wird anders beschrieben. Es sind Kinder, die einen starken Willen haben. Kinder, die grosse Angst vor Veränderungen zeigen. Kinder, die bei Anforderungen, Grenzen oder Übergängen destruktiv reagieren – wenn man Glück hat, nur zu Hause und nicht auch in der Schule. Und es sind Kinder, die angeblich stark maskieren, sodass sich die Eltern vom Rest der Welt nicht verstanden fühlen.

Diese Beschreibungen nehme ich ernst. Aber ich versuche, sie in meine eigene klinische Sprache zu übersetzen.

Ein Kind mit einem starken Willen ist manchmal schlicht ein Kind, das Mühe hat, sich unterzuordnen. Ein Kind, das nicht gelernt hat, dass der Wille der Erwachsenen nicht immer verhandelbar ist. Ein Kind, das Widerstand leistet, sobald es nicht bekommt, was es möchte. Das ist nicht automatisch Autismus. Es kann Ausdruck von Temperament sein, von Erziehungsgeschichte, von Angst, von ADHS, von oppositionellem Verhalten oder von einer familiären Dynamik, in der Grenzen sehr spät, sehr vorsichtig oder sehr inkonsequent gesetzt wurden.

Eine grosse Angst vor Veränderungen kann selbstverständlich autistisch mitbedingt sein. Viele autistische Menschen brauchen Vorhersehbarkeit, Struktur und Wiederholung, weil die Welt für sie schnell zu laut, zu unübersichtlich und zu unberechenbar wird. Aber nicht jede Veränderungsangst ist Autismus. Manchmal sind Kinder auch daran gewöhnt, alles im Voraus wissen zu wollen, über alles mit den Erwachsenen zu verhandeln und keine Zumutung mehr einfach aushalten zu müssen. Dann wird Vorhersehbarkeit nicht nur zur Hilfe, sondern zur Bedingung. Jede kleine Abweichung wird als unzumutbar erlebt.

Wenn ein Kind explosiv-destruktiv reagiert, sobald es sich nicht durchsetzen kann, dann muss man sehr genau hinschauen. Natürlich kann eine solche Reaktion aus Überforderung entstehen. Sie kann aber auch bedeuten, dass Schreien, Drohen, Verweigern, Beschimpfen oder Weglaufen am Ende doch dazu führen, dass die Erwachsenen nachgeben. Auch das ist keine Schuldzuweisung. Es ist die Beschreibung einer Dynamik. Und Dynamiken entstehen nie nur in einer Person.

In den letzten Jahren fällt mir auf, dass sich viele Eltern einen neuen, oft englischen Wortschatz angeeignet haben. Was früher vielleicht als Wutanfall, Verweigerung, Empfindlichkeit, Trotz, Angst, Ungehorsam oder familiäre Eskalation beschrieben worden wäre, erscheint heute häufig in einem neuen Gewand: Meltdown, Shutdown, Overload, sensory seeking, sensory overload, hypersensitivity, emotional dysregulation, executive dysfunction, low arousal, high masking, burnout, rejection sensitivity, safe person, safe space, co-regulation, equalizing behaviour, fight-flight-freeze-fawn response, trauma response, pathological demand avoidance, pervasive drive for autonomy und nervous system activation usw.

Diese Begriffe sind nicht per se falsch. Falsch ist es, diese Phänomene als Synonyme für ASS zu verwenden. Dann wird aus jeder Eskalation ein Meltdown, aus jeder Überforderung ein Overload, aus jeder Empfindlichkeit eine Hypersensibilität, aus jeder Anpassungsleistung ein Masking, aus jeder Verweigerung eine pathologische Anforderungsvermeidung und aus jeder familiären Spannung eine Trauma Response – alles vermeintliche Synonyme für ASS.

Eltern berichten von stundenlangem Schreien, Toben, Kreischen, Weinen oder Zerstören. Heute wird dafür oft der Begriff Meltdown verwendet; früher hätte man eher von massiven Wutanfällen gesprochen. Doch nicht jede lautstarke Eskalation ist ein autistischer Meltdown. Manchmal zeigt sich darin eine geringe Frustrationstoleranz, der Versuch, sich durchzusetzen, oder eine erlernte Dynamik: Je lauter das Kind wird, desto eher geben die Erwachsenen nach.

Wenn ein Kind über lange Zeit in derselben Tonhöhe schreien kann, denke ich deshalb nicht automatisch zuerst an Autismus. Halb ironisch, halb verzweifelt könnte man eher überlegen, ob man es beim Kirchenchor anmelden sollte. Denn Ausdauer, Lautstärke und Stimmkraft sind noch keine autistischen Symptome.

Ein weiterer Begriff aus der PDA-Sprache ist Equalizing Behaviour. Damit wird oft aggressives oder dominantes Verhalten entschuldigt und bagatellisiert. Wenn ein Kind die Mutter beschimpft, schlägt, bedroht, entwertet oder Geschwister attackiert, muss man das auch so benennen dürfen. Nicht um das Kind zu beschämen, sondern um die Realität nicht zu beschönigen. Besonders häufig sehe ich Konstellationen, in denen die Mutter massiv belastet und der Vater zugleich zunehmend marginalisiert wird. Die Mutter wird zur Hauptadressatin aller Affekte. Der Vater wird entweder entmachtet, ausgeschlossen oder nur noch als Nebenfigur erlebt. Auch das ist nicht einfach Autismus. Es ist eine familiäre Dynamik, die verstanden und verändert werden muss.

Häufig berichten Eltern auch von Reizüberflutung, Hypersensibilität und sensorischen Besonderheiten: Lärm, Licht, Kleider, Gerüche, Essen, Geräusche, Berührungen oder unerwartete Situationen seien kaum auszuhalten. Aber nicht jede Unlust ist Reizüberflutung. Nicht jede Abneigung ist Hypersensibilität.

Besonders häufig wird auch eine grosse Angst vor Neuigkeiten und Veränderungen beschrieben. Deshalb verweigert das Kind Ausflüge, neue Situationen, Schulveranstaltungen, Besuche, Ferien, Kleider, Essen, Wege, Therapien oder Termine. Aber nicht jede Verweigerung ist Angst. Oft wird Angst auch als edlere, schuldentlastende Beschreibung für Verweigerung verwendet.

Viele Kinder wollen heute alles im Voraus wissen. Und wenn sie es wissen, wollen sie anschliessend auch selbst entscheiden, ob sie teilnehmen oder nicht: am Schulausflug, am Kindergarten, am Familienbesuch, an der Therapie, an der Schule überhaupt. Ich kenne kaum ein Kind, das sich freiwillig aus der Komfortzone herausbewegt, wenn die Alternative lautet: zu Hause bleiben, bei der Mutter bleiben, im Gewohnten bleiben. Deshalb braucht es Erwachsene. Kinder entscheiden sich nicht immer für das, was ihrer Entwicklung dient, sondern nach dem Lustprinzip. Sie entscheiden sich oft für das, was kurzfristig angenehmer ist.

Auch wählerisches Essen wird fast reflexartig dem Autismus zugeschrieben. Ja, bei Autismus kann selektives Essverhalten vorkommen. Texturen, Gerüche, Farben, Konsistenzen und Routinen können eine grosse Rolle spielen. Aber die Mehrheit der Kinder, die ich kenne, isst wählerisch. Es ist auch ein Produkt des Überflusses, der ständigen Verfügbarkeit von Alternativen und der elterlichen Angst, dem Kind etwas zuzumuten beziehungsweise davor, dass es unterernährt sein könnte.

Dasselbe gilt für Routinen. Routinen geben Halt. Ordnung ist das halbe Leben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Deshalb muss man unterscheiden: Handelt es sich um eine tiefgreifende autistische Starrheit, die Entwicklung und Teilhabe massiv einschränkt? Oder handelt es sich um ein Kind, das gewohnt ist, dass sich die Welt nach seinen Vorlieben richtet?

Besonders ernst sind Berichte über Suizidgedanken. Sie dürfen nie bagatellisiert werden. Wenn ein Kind sagt, es wolle nicht mehr leben, dann muss man genau hinschauen, nachfragen, schützen und gegebenenfalls rasch handeln. Aber auch Suizidgedanken sind kein spezifisches Zeichen von Autismus. Sie können bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, familiären Krisen, Mobbing, Überforderung oder Identitätskonflikten auftreten. Auffallend ist, dass in unserer digitalen Ära das Konzept des Sich-Umbringens auch im Vorschulalter vorkommt, obwohl Eltern sicher sind, nie darüber vor dem Kind gesprochen zu haben.

Besonders kontrovers ist der Begriff Masking. Natürlich gibt es autistische Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen, die über Jahre gelernt haben, ihre Auffälligkeiten zu kompensieren. Dieses Phänomen ist wichtig für die gesunde Entwicklung aller Menschen. Wenn wir unsere Gefühle frei ausleben würden, wären wir ausgestorben.

Auch der Begriff Masking wird inzwischen häufig vorschnell verwendet. Wenn ein Kind sich in der Schule relativ angepasst verhält und zu Hause explodiert, wird dies nicht selten als Hinweis auf ASS gedeutet. Es kann aber ebenso bedeuten, dass das Kind durchaus über Anpassungsfähigkeit verfügt, diese jedoch vor allem dort zeigt, wo klare Strukturen, verbindliche Erwartungen und soziale Konsequenzen bestehen.

In solchen Fällen sollten wir nicht nur fragen, ob es sich um ASS handelt, sondern auch: Wo gelingt Selbstkontrolle? Unter welchen Bedingungen gelingt sie? Wie können Eltern lernen, diese Fähigkeiten auch zu Hause zu unterstützen, ohne in endlose Verhandlungen, Vermeidung und Angstspiralen zu geraten?

Dort, wo ein Kind sich anpassen kann, liegt eine Ressource.

Ich merke, wie sehr ich mich manchmal danach sehne, wieder Wörter zu hören, die fast altmodisch geworden sind: Erziehung, Gehorsam, Verantwortung, Grenzen, Respekt vor der Autorität der Erziehenden.

Diese Wörter klingen heute für viele Ohren verdächtig. Sie riechen nach Härte, nach Unterdrückung, nach schwarzer Pädagogik. Aber das ist ein Missverständnis. Erziehung bedeutet nicht Gewalt. Gehorsam bedeutet nicht Unterwerfung. Autorität bedeutet nicht Machtmissbrauch. Und Grenzen bedeuten nicht Lieblosigkeit.

Im besten Fall bedeuten diese Begriffe etwas sehr Einfaches: Erwachsene übernehmen ihre Rolle. Sie halten aus, dass das Kind wütend wird. Sie halten aus, dass das Kind enttäuscht ist. Sie halten aus, dass das Kind sie kurzfristig nicht mag. Sie halten aus, dass Entwicklung manchmal nicht harmonisch, sondern konflikthaft ist.

Viele Eltern kommen mit Angst. Sie fürchten, etwas falsch gemacht zu haben. Sie fürchten, zu streng gewesen zu sein oder nicht streng genug. Sie fürchten, dass man ihnen schlechte Erziehung vorwerfen könnte. Eine Diagnose erscheint dann manchmal wie ein rettendes Ufer: Wenn es Autismus ist, bin ich nicht schuld. Wenn es PDA ist, muss ich nicht mehr von Erziehung sprechen. Wenn es „neurodivergent“ ist, dann ist das Verhalten nicht mehr veränderbar, sondern nur noch zu akzeptieren.

Ich verstehe diese Sehnsucht nach Entlastung sehr gut. Aber sie führt in eine falsche Richtung, wenn Diagnose und Verantwortung gegeneinander ausgespielt werden.

Ein Kind mit Autismus muss erzogen werden. Ein Kind mit ADHS muss erzogen werden. Ein Kind mit einer Angststörung muss erzogen werden. Ein Kind mit einer somatischen Erkrankung muss erzogen werden. Erziehung bedeutet nicht Gewalt, Härte oder Lieblosigkeit. Erziehung bedeutet Orientierung, Halt, Begrenzung, Verlässlichkeit, Führung und die verantwortliche Ausübung elterlicher Autorität.

Auch ein Kind mit einer Diagnose muss lernen, Schritt für Schritt erwachsen zu werden. Es muss lernen, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben. Es muss lernen, dass die Familie keine Demokratie ist und die Schule nicht optional. Es muss lernen, dass Wut verständlich sein kann, Gewalt aber nicht akzeptabel ist. Es muss lernen, dass Angst ernst genommen wird, ohne dass sie automatisch die Führung übernimmt.

Solange Eltern nicht bereit sind, die Verantwortung ihrer Rolle zu übernehmen, werden Kinder zwar körperlich grösser, aber innerlich nicht unbedingt erwachsener. Dann wachsen Kinder heran, die zwar älter werden, aber in ihrer Frustrationstoleranz, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer sozialen Reife auf einem kindlichen Niveau bleiben. Ich nenne sie manchmal, zugespitzt und bewusst unbequem, disadaptiert. Oder, noch schärfer formuliert: zukünftige Invalidisierte – nicht, weil sie von Geburt an invalid wären, sondern weil sie durch ein ganzes System gelernt haben, dass jede Zumutung, jede Anforderung und jede Grenze eine unzumutbare Gewalt sei.

Viele Eltern kommen inzwischen schon vor dem Erstgespräch mit umfangreichen Unterlagen, Fragebögen, Berichten, E-Mails und klaren Vermutungen. Die Richtung ist oft bereits vorgegeben: Autismus, PDA, ADHS mit Autismus, Autismus mit PDA-Profil.

Nicht selten werden auch Einschätzungen von Lehrpersonen, Therapeutinnen oder anderen Fachpersonen mitgebracht, unausgesprochen nach dem Motto: Wir, der Rest der Welt, sind eigentlich alle schon überzeugt, dass dieses Kind im Autismus-Spektrum ist. Bitte bestätigen Sie es jetzt noch offiziell. Oder noch zugespitzter: Wenn Sie wirklich eine Autismus-Expertin sind, dann müssten Sie es doch auch sehen.

So finde ich mich plötzlich in einer merkwürdigen Position wieder. Ich soll nicht mehr abklären, sondern bestätigen. Ich soll nicht mehr diagnostisch denken, sondern eine bereits bestehende Erzählung beglaubigen. Ich soll nicht mehr prüfen, sondern besiegeln.

Und wenn ich es nicht tue, stehe ich scheinbar gegen den Rest der Welt.

Dafür habe ich weder die institutionelle Rolle noch die körperlichen Kräfte. Meine Kräfte möchte ich lieber dafür einsetzen, Familien gegenüber der IV, den Krankenkassen und den Schulen zu vertreten, wenn ich eine Diagnose fachlich wirklich verantworten kann. Ich möchte meine Energie nicht darauf verwenden, eine von aussen bereits gewünschte Diagnose nachträglich zu legitimieren.

Wenn jemand nur eine Bestätigung sucht, ist er bei mir wahrscheinlich am falschen Ort. Dann ist es ehrlicher, zu jemand anderem zu gehen.

Ich habe leider schon Abklärungen gesehen, in denen praktisch keine objektiven Befunde vorlagen und die Diagnose dennoch fast ausschliesslich anhand subjektiver Angaben bestätigt wurde. Bei mir geht das nicht so. Ich muss eine Diagnose selber klinisch nachvollziehen können. Ich muss sie sehen, prüfen, differenzieren und verantworten können – unabhängig davon, ob sich ein Mensch selbst als „autistisch“ oder „neurodivergent“ empfindet.

Und ich gestehe: Das Wort neurodivergent löst bei mir inzwischen fast eine allergische Reaktion aus. Nicht, weil ich die Realität neurologischer Unterschiede leugne. Im Gegenteil. Sondern weil der Begriff oft nicht mehr beschreibt, sondern immunisiert. Er beendet manchmal das Nachdenken, statt es zu eröffnen. Er wird zu einem Schutzschild gegen jede Zumutung, jede Kritik, jede erzieherische Frage und jede Differenzialdiagnose.

Gerade beim Thema PDA ist diagnostische Vorsicht besonders wichtig. Ich sehe PDA nicht als moderne Form von Autismus. Vieles, was heute als PDA beschrieben wird, erinnert mich eher an eine moderne, sprachlich neu verpackte Form von oppositionellem Verhalten, von massiver Verweigerung, Kontrollbedürfnis, Angst und familiärer Eskalation.

Die Logik der PDA-Community ist inzwischen manchmal fast zirkulär geworden: Wenn das Kind Autismus-Symptome zeigt, heisst es, es habe Autismus und zusätzlich PDA. Wenn es die Autismus-Kriterien nicht erfüllt, heisst es, es maskiere eben so gut, dass man den Autismus nicht sehe, und gerade deshalb habe es trotzdem PDA beziehungsweise Autismus.

Damit wird die Diagnose unangreifbar. Alles spricht dafür. Und wenn etwas dagegen spricht, spricht es am Ende ebenfalls dafür. Genau an diesem Punkt verlässt man aber den Boden einer seriösen klinischen Diagnostik.

PDA ist keine Diagnose, sondern ein Verhaltensprofil, das sich erst jetzt in der Ära der Filiokratie manifestieren kann. Es kann mit Autismus assoziiert sein. Aber Assoziation ist nicht Identität.

Ein besonders heikles Thema ist Schulabsentismus. Ich sage es bewusst klar: Eine Diagnose begründet keinen dauerhaften Schulabsentismus. Auch Kinder mit schweren Erkrankungen werden, wenn nötig, in Spitalschulen unterrichtet. Schule kann angepasst werden. Schule kann reduziert werden. Schule kann begleitet werden. Schule kann vorübergehend anders organisiert werden. Aber die grundsätzliche Richtung bleibt: Das Kind gehört in Bildung, Struktur und soziale Teilhabe.

Wenn ein Kind bei jedem Ausflug, jeder Veränderung, jeder Anforderung selbst entscheiden darf, ob es teilnimmt oder nicht, dann wird die Komfortzone immer kleiner. Angst wird nicht kleiner, indem man ihr dauerhaft gehorcht. Verweigerung wird nicht kleiner, indem sie jedes Mal erfolgreich ist. Und Autonomie entsteht nicht dadurch, dass ein Kind keine Zumutung mehr aushalten muss.

Wann darf man also berechtigt ASS vermuten?

Dann, wenn sich über die Entwicklung hinweg ein stimmiges klinisches Muster zeigt: qualitative Auffälligkeiten in der sozialen Gegenseitigkeit, Besonderheiten der Kommunikation, Schwierigkeiten im intuitiven Verständnis sozialer Situationen, eingeschränkte oder repetitive Verhaltensmuster, sensorische Besonderheiten und eine seit früher Kindheit erkennbare Andersartigkeit der sozialen Entwicklung. Nicht jedes dieser Merkmale muss gleich stark ausgeprägt sein. Aber es braucht ein klinisch nachvollziehbares Gesamtbild.

Was hingegen nicht genügt, ist eine blosse Liste moderner Schlagwörter: Meltdown, Overload, Masking, Hypersensibilität, Demand Avoidance, starker Wille, Angst vor Neuigkeiten, wählerisches Essen, Schulverweigerung, Erschöpfung nach sozialen Situationen.

Diese Phänomene können bei Autismus vorkommen. Aber sie können auch bei vielen anderen Kindern vorkommen. Und sie können auch Ausdruck einer Zeit sein, in der Kinder sehr früh sehr viel mitbestimmen, aber sehr spät lernen, dass die Welt nicht immer verhandelbar ist.

Gleichzeitig muss man sagen: Der moderne Autismus, insbesondere bei sprachlich gut entwickelten, intelligenten, medial informierten und sozial angepassten Kindern, kann sehr leise sein. Er kann auch einer aufmerksamen Lehrperson entgehen. Viele heutige Asperger-Kinder haben durch Medienkonsum viele und wechselhafte Interessen, sie haben Kolleginnen und Kollegen, sie können sich in bestimmten Kontexten erstaunlich gut anpassen. Gerade deshalb braucht es eine sorgfältige Diagnostik: nicht eine blosse Bestätigung elterlicher Vermutungen, aber auch kein vorschnelles Abtun stiller autistischer Phänomene.

ASS ist keine Diagnose für Kinder, die keine Grenzen akzeptieren. ASS ist keine Diagnose für Eltern, die keine Autorität mehr ausüben dürfen. ASS ist keine Diagnose für jedes Kind, das wütend wird, wenn es nicht bekommt, was es will. ASS ist keine Diagnose für jedes Kind, das nach der Schule erschöpft ist, bestimmte Kleider nicht mag, wählerisch isst oder nicht auf den Schulausflug gehen möchte.

Wenn ein Kind autistisch ist, braucht es Verständnis, Struktur, Anpassung, Schutz und oft sehr spezifische Unterstützung. Aber auch ein autistisches Kind braucht Erziehung. Auch ein autistisches Kind muss lernen, mit anderen Menschen zu leben. Auch ein autistisches Kind braucht Schule, Entwicklung, Zumutung, Beziehung und Grenzen – natürlich angepasst, sorgfältig, wohlwollend und fachlich begleitet.

Eine Diagnose darf nicht dazu dienen, das Kind aus der Welt herauszunehmen. Sie sollte helfen, das Kind besser in die Welt hineinzuführen.

Literatur

https://doi.org/10.1024/1422-4917/a000927Kamp-Becker, I., Schu, U. & Stroth, S. (2023). Pathological Demand Avoidance – aktueller Forschungsstand und kritische Diskussion. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 51(4), 321–332. https://doi.org/10.1024/1422-4917/a000927


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