Apropos Autismus: Hikikomori und PDA – Wenn Kinder bestimmen (und Eltern gehorchen)
Gedanken zu Isolation, Gaming Disorder und dem Aufstieg der „Filiokratie“.
Ein 15-jähriger Junge, zurückgezogen in seinem Zimmer, verbunden nur mit Medien.
Am 15. Juli 2025 erschien im Corriere della Sera eine Geschichte, die leider nicht mehr selten ist: Ein italienischer Jugendlicher, seit Monaten isoliert, abgekoppelt von der Schule und vom realen Leben, versunken in Videospiele und virtuelle Beziehungen. Die Eltern machen mit, stellen keine Anforderungen mehr, die Welt schrumpft auf einen Bildschirm. Ist das ein klassischer Fall von Hikikomori? Oder steckt noch mehr dahinter?
Kurze Definition von Hikikomori
Der japanische Begriff „Hikikomori“ beschreibt einen Zustand extremen sozialen Rückzugs, bei dem sich eine Person – oft ein Jugendlicher oder junger Erwachsener – vollständig aus dem sozialen und familiären Leben für mehr als sechs Monate zurückzieht, ohne dass eine offensichtliche psychiatrische Grunderkrankung vorliegt.
Es geht nicht nur um „sozialen Rückzug“: Es ist ein ganzes Syndrom
Einfach von „sozialem Rückzug“ zu sprechen, ist hier so treffend wie zu sagen, Trumps auffälligstes Merkmal sei seine Haarfarbe. Es ist ein Euphemismus. Hinter dem Verhalten des Jungen verbergen sich gravierende Anzeichen: Er geht nicht mehr zur Schule, isst nicht mehr mit der Familie, hat nur noch Online-Freunde, reagiert mit Wut, wenn man ihm den Computer wegnimmt. Das ist nicht nur Isolation – das ist Gaming Disorder, Mediensucht, chronischer Widerstand gegen reale Anforderungen.
Hikikomori und PDA: Entfernte, aber verwandte Phänomene
Das aus Japan stammende Hikikomori-Phänomen hat einen „europäischen Verwandten“: PDA – Pathological Demand Avoidance (Pathologisches Vermeidungsverhalten gegenüber Anforderungen).
Kurze Definition von PDA
PDA ist ein Verhaltensprofil, das durch extremen, oft angstbedingten Widerstand gegen jegliche Anforderungen gekennzeichnet ist – selbst gegen scheinbar harmlose. Es wurde ursprünglich im Rahmen des Autismus-Spektrums beobachtet, wird heute aber insbesondere bei Personen mit oppositionellem, impulsivem und emotional verletzlichem Verhalten erkannt. Besonders ausgeprägt zeigt es sich in wenig strukturierten Erziehungsumfeldern, in denen Anforderungen als bedrückend erlebt werden und eine filiozentrische Kultur – bei der das Kind im Mittelpunkt steht – Grenzen erschwert.
Wer mit einem Kind mit PDA lebt, kennt das: „Nein“ zu sagen, ist der Normalzustand. Eltern vermeiden deshalb jegliche Aufforderung – selbst die harmloseste. Das Kind lehnt Regeln, Zeitpläne, Aufgaben und sogar Spiele ab; wird es widersprochen, reagiert es mit heftigen Ausbrüchen. Oft geben erschöpfte Eltern nach. So entsteht eine leise, aber machtvolle Dynamik.
Filiokratie: Wenn das Kind das Kommando übernimmt
Wir leben in einer Zeit, in der das Kind im Zentrum steht. Was ich „Filiokratie“ nenne, ist eine neue Form familiärer Machtverhältnisse, in der das Kind die Führung übernimmt – nicht aus Herrschsucht, sondern weil die Erwachsenen, oft unbewusst, die Kontrolle abgeben.
Es geht nicht um bewusste, bindungsorientierte Erziehung – sondern um eine Umkehrung der Hierarchie. Das Kind sagt „Nein“ – und die Familie passt sich an. Es will nicht zur Schule? „Okay, zwingen wir es nicht.“ Es möchte nicht rausgehen? „Wir respektieren das.“ Es bringt nichts zu Ende? „Na gut, es ist eben sensibel.“
Die Gefahr ist groß: Schwäche wird zur Macht, Unwohlsein zum System.
Spezialschulen, die von Jugendlichen gemieden werden
In der Schweiz ist PDA zunehmend verbreitet. Es gibt inzwischen Schulen, die speziell für diese Kinder konzipiert sind – und die von PDA-Betroffenen natürlich boykottiert werden, ganz im Einklang mit ihrem Profil! Ich habe Berichte gelesen, in denen von Entspannungstechniken mit Videospielen, Trampolinübungen und vielem die Rede ist – nur nicht von schulischen Inhalten (Noten gibt es dort übrigens keine!).
Schulabsenz: Ein gesellschaftlicher Alarmruf
Nicht zur Schule zu gehen, ist ein gesellschaftlicher Warnhinweis. Wer nicht zur Schule gehen kann, wird später kaum arbeiten können. Schule ist nicht nur Lernort, sondern Ort des sozialen Miteinanders, des Aushaltens, des Frustlernens. Wer Schule aufgibt, gibt mehr auf: die Zukunft.
Sensibilisierung reicht nicht: Es braucht Führung
Lehrpersonen und Fachkräfte sind zunehmend geschult, achtsam, empathisch. Doch „Verstehen“ allein reicht nicht. Es braucht auch Orientierung. Sonst wird Empathie zu Ohnmacht. Jugendliche mit PDA oder Hikikomori brauchen nicht nur „sichere Räume“, sondern Erwachsene, die sie begleiten, ihnen Halt geben und sie zurück ins Leben führen.
Es ist nicht die Schuld des Kindes. Aber auch nicht nur die der Gesellschaft.
Hikikomori und PDA stellen uns vor eine große Herausforderung: Wo endet Verletzlichkeit – und wo beginnt das Vermeidungsverhalten? Wann braucht es Schutz – und wann klare Grenzen? Es ist leicht, System, Schule, Eltern oder Technik die Schuld zu geben. Aber vielleicht ist es an der Zeit, keine Schuldigen mehr zu suchen, sondern uns zu fragen: Welche Beziehung wollen wir zu unseren Kindern aufbauen? Wollen wir akzeptieren, dass Familie keine Demokratie ist – und Eltern Autorität ausüben müssen?
Fazit: Keine Etiketten – elterliche AUTORITÄT ist gefragt
Hinter diesen Verhaltensweisen stecken keine „Boshaftigkeit“, keine „Faulheit“ und keine „Ungezogenheit“. Sondern emotionale Bedürfnisse, Neurodivergenzen, komplexe Lebensgeschichten – aber auch gesellschaftliche Erwartungen, familiäre Belastungen und manchmal schlicht überforderte Eltern.
Die Filiokratie ist keine Anklage – sondern ein Deutungsangebot dafür, wo wir stehen und wie wir wieder gesunde, verantwortungsvolle Hierarchien aufbauen können. Nicht Macht ist das Ziel, sondern gegenseitige Verantwortung.
Ein Beitrag inspiriert durch Erfahrungen, Beobachtungen und Gespräche aus der fachlichen Praxis.
Weitere Informationen auf: alschin.blogspot.ch
Kennst du dich in diesen Dynamiken wieder? Hattest du je das Gefühl, „Geisel“ deines eigenen Kindes zu sein? Hast du den inneren Konflikt zwischen Verständnis und Grenzsetzung erlebt? Mach dich auf den Weg zur Veränderung!
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