Apropos Autismus: die Simulanten, das „Missing the Point“-Phänomen und das Ausmaß der Asperger-Auffälligkeiten
In meiner Praxis sehe ich zunehmend Menschen, die sich eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum wünschen – meist Asperger natürlich – oder sogar gezielt darauf hinarbeiten. Das „Verlangen“ nach einer ASS-Diagnose (Autismus-Spektrum-Störung) scheint heute fast ein Zeitphänomen zu sein. Häufig tritt es in Kombination mit ADHS oder vagen Begriffen wie „neurodivers“ auf. Vielleicht habe ich in der ICD-11 etwas verpasst – aber das Bedürfnis, sich über eine Diagnose zu definieren, wächst spürbar.
Warum will man eine Asperger-Diagnose?
• Sie ist gesellschaftlich „salonfähiger“ als Borderline oder andere Diagnosen.
• Man glaubt, dadurch versicherungsmedizinische Unterstützung zu erhalten.
• Sie klingt tiefgründig, anders – aber ohne Stigma. Menschen mit Asperger sind in der Regel normalintelligent (dass sie Genies seien, ist ein Mythos – einer, den wir Psychiater selbst mitgeschaffen haben, um die Diagnoseeröffnung zu versüßen).
Was viele nicht wissen: Die Haltung der Invalidenversicherung gegenüber Autismus, besonders Asperger, ist nüchtern. Die Diagnose wird zur Kenntnis genommen, aber behandelt wie eine Kurzsichtigkeit: Na und? Dann braucht man eben eine Brille. Arbeiten kann man trotzdem.
Die Begegnung mit einer Simulantin
Eine minderjährige Patientin – intelligent, feinfühlig, aber naiver als erwachsene Simulanten – half mir, einige Facetten dieses Phänomens zu verstehen.
Echte Autisten freuen sich nie über die Diagnose. Sie hoffen, dass sie eine „leichte“ Form haben, dass es vorübergeht oder „ausreift“. Sie fühlen sich im Grunde wohl in ihrer Haut. Simulanten hingegen freuen sich – sie wollen das Etikett.
Echte Betroffene suchen Bestätigung, keine Beweiskette. Sie sind erleichtert, wenn sie während der Untersuchung ermutigt und validiert werden. Simulanten hingegen fürchten, dass Zustimmung bedeutet, nicht autistisch zu sein.
Echte Fehler sind unabsichtlich. Simulanten glauben oft, je mehr Fehler man mache, desto autistischer wirke man. Sie verstehen nicht, dass jeder Untersuchungsleiter in der Testbatterie Kontrollaufgaben einbaut – Aufgaben, die nur Patienten mit Demenz falsch machen würden. Sie übersehen, dass Autismus nicht aus Täuschung, sondern aus einem anderen Verstehensmodus entsteht – einem kognitiven Zugang zur Kommunikation, dem emotionale Zwischentöne nicht selbstverständlich beigelegt sind.
Mein Rat an Simulanten: Bitte kommen Sie nicht!
Die 20 Prozent, die fehlen
Der Unterschied zwischen neurotypischen Menschen und gut begabten Erwachsenen mit Asperger beträgt oft nur rund 20 Prozent im Verstehen – aber diese 20 Prozent verändern alles.
Die Tests fallen meist unauffällig aus. Die Abweichung liegt nicht in der Intelligenz, sondern in der Interpretation. Es sind kleine Verschiebungen im Verständnis: ein rationales Nachvollziehen statt eines emotionalen Mitschwingens.
Ein Asperger-Patient kann eine Geschichte vollständig wiedergeben, aber die soziale „Pointe“ verfehlen – nicht, weil er sie ignoriert, sondern weil er sie auf einer sachlichen, nicht emotionalen Ebene versteht.
Bei der Auswertung der Tests geht es nicht um Schwellenwerte oder Fehlerraten, die meist gering sind – manchmal null, manchmal eben 20 Prozent.
Warum ist das so wichtig?
Weil es um das Nichtverstehen sozialer Erwartungen und Kompetenzen geht – und wir leben nun einmal in einer sozialen Welt. Mitunter anstrengend, aber unvermeidlich.
Das „Missing the Point“-Phänomen
Wer die Pointe nicht versteht, dem entgeht der Sinn.
Ein Paar sitzt bei einer Psychotherapeutin. Sie sagt:
„Heute ist es nicht ungewöhnlich, mit über vierzig noch Kinder zu bekommen. Aber Ängste und Erwartungen steigen. Ihr solltet regelmäßig zu mir kommen.“
Dann fügt sie hinzu:
„Immerhin spart ihr euch die Gynäkologin – nicht wahr, Kurt und Helmut?“
Menschen mit Autismus erfassen etwa 80 Prozent einer Botschaft. Doch die fehlenden 20 Prozent können entscheidend sein. Wenn sie den Nebensatz verpassen, bleibt das Gespräch verständlich. Wenn sie jedoch die Pointe überhören, zerfällt die ganze Bedeutung.
Es ist, als würde man ein Puzzle zusammensetzen, dem das Mittelstück fehlt: Das Bild ist fast vollständig – aber das Zentrum bleibt leer.
Ein Beispiel sozial erwünschter Reaktionen
Eine Chirurgin kommt spät zu einem Abendessen mit Freunden im Restaurant.
Sie setzt sich und sagt:
„Entschuldigt, ich war auf der Autobahn – Massenunfall, zwanzig Verletzte, mehrere Tote. Ich habe in zwei Stunden zehn Patienten operiert.“
Was erwartet sie als Reaktion?
Stellen Sie sich vor, am Tisch sitzen drei Verehrer:
A: „Du Arme! Hast du alle retten können?“
B: „Ich habe im Radio davon gehört – auf welcher Höhe war das?“
C: „Wie geht es den Verletzten?“
Ein neurotypischer Mensch spürt intuitiv, dass Antwort A die emotionale Erwartung trifft.
Die Chirurgin sucht Resonanz, nicht Fakten – sie bringt Dramatik in eine zuvor unbeschwerte Runde. Sie möchte gehört, verstanden, vielleicht auch bewundert werden. Und wenn sich Ähnliches wiederholt, wird sie ihr Herz vermutlich Hofmacher A schenken.
Menschen mit Asperger hingegen reagieren oft sachlich (Antwort B) oder empathisch, aber nicht auf die Erzählerin bezogen (Antwort C).
Sie verstehen den Inhalt, aber nicht die emotionale Choreografie des Moments.
Zwischen Empathie und Analyse
Viele moderne Autistinnen und Autisten sind sozial interessiert, empathisch, reflektiert. Ihre Routinen dienen der Stabilität, nicht der Pedanterie.
Ihr Denken ist differenziert, aber manchmal fehlt ihnen – bildlich gesprochen – die Pointe.
Kein Defizit, sondern eine Verschiebung
Ich höre schon die Einwände: Wie viele Menschen verstehen eine Situation nie ganz? Auch bei ADHS, Traumatisierung oder Trauer bleiben oft mehr als 20 Prozent unerschlossen – aber dort ist der Aufmerksamkeitsmangel weniger durchgängig und betrifft nicht vorrangig soziale Situationen.
Das eigentliche „Handicap“ des Autismus liegt in dieser dauerhaften Verschiebung.
Es gibt keine „ASS-Brille“, die Zwischentöne, Doppelsinne oder den ironischen Ton sichtbar macht – und auch keine, die den Verlauf des Lebens oder der Beziehungen vorhersagt.
Gerade dieses Nicht-Sich-Anpassen an wechselnde Kontexte kann in Beziehungen – privat wie beruflich – zu Brüchen führen, wenn diese Besonderheit nicht verstanden und integriert wird.
Fazit
Autismus ist keine Welt aus Schwarz und Weiß, sondern eine Welt mit anderen Schattierungen.
Wer die Unterschiede anerkennt und integriert, kann Brücken schlagen – zwischen Rationalität und Resonanz, zwischen Information und Intuition, zwischen Wortlaut und Bedeutung.
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